Raffaello und ein alkoholfreies Bier

Es regnet. Seit Stunden.

Ich sitze am Fenster in einem Sessel und sehe hinaus auf diese Hügel, die man hier Berge nennt. Obwohl sie dafür eigentlich zu weich sind. Alles ist grün, noch grün jedenfalls, aber an manchen Bäumen beginnt schon ein stumpfes Gelb. Herbstanfang? Die Fichten sind natürlich alle tot, wie überall. Das ignoriere ich. Über den höheren Hügeln hängt Nebel, mal sieht man die Baumkronen, dann sieht man sie verschwinden.

Ein paar Tropfen laufen die Scheibe hinunter. Ich könnte ihnen ewig zusehen.

Damals im Auto, als Kind, auf dem Weg in den Urlaub, da habe ich das auch gemacht. Der Regen lief durch den Fahrtwind seitlich über das Fenster, von vor nach hinten, und ich habe stundenlang zugesehen. Nichts anders gemacht. Die Tropfen kamen, vereinten sich mit anderen Tropfen, wurden größer, verschwanden am Rand. Manche liefen ein Stück zusammen. Dann wieder auseinander.

Ich mag Regen wirklich sehr. Alles wird dunkler und stärker. Die Wiesen grüner, die Dächer röter, die Straßen schwärzer. Alles nass, alles neu. Oder so.

Raus will ich trotzdem nicht.

Das ist vielleicht nicht ganz fair, denke ich. Regen schön zu finden, solange eine Scheibe dazwischen ist.

Ich könnte einfach aufstehen. Schuhe an, Jacke an, raus. Der Weg führt am Haus vorbei, dann den Hügel runter, durch die Bäume, runter zum See.

Ich sollte rausgehen.

Ich gehe jetzt raus.

Vielleicht vorher noch einen Kaffee.

Oder ein alkoholfreies Bier.

Kaffee hatte ich genug. Süßigkeiten auch. Raffaello vor allem. Erstaunlich, dass etwas, das so leicht aussieht, einen so schwer machen kann.

Ich bleibe sitzen.

Draußen wird der Nebel dichter. Für ein paar Minuten ist der gegenüberliegende Hügel fast weg. Ich weiß natürlich, dass er noch da ist. Das ist ja das Beruhigende. Dinge verschwinden nicht gleich, nur weil man sie nicht mehr sieht.

Ich will raus.

Wirklich.

Ich will den Regen ja spüren, den Geruch von nasser Erde, die kalte Luft.

Aber vielleicht ist es auch schöner, ihn von hier aus zu mögen.

Aus meinem Sessel.

Hinter dem Glas.

Ein Tropfen läuft über die Scheibe, sehr langsam, bleibt kurz stehen und entscheidet sich dann doch für eine Richtung.

Ich sehe ihm nach.

Vielleicht mache ich das gleich auch.

Vielleicht.

Links zur Folge:

 

Ihr habt ja nicht mehr alle …

Der Morgen-Kaffee schnell im Steh’n
Doch vorher noch durch alle Farben geh’n
So viele Formen sehen seh’n, tagein, tagaus
Nichts dabei, nochmal ne neue Runde dreh’n
Dann seh ich Jörn motzend rumsteh’n:
Ich hab‘ hier alles schon geseh’n, ich muss hier raus
Ich halt’s hier nicht mehr aus

Ich sehe oben am Himmel
Fliegende Untertassen verschwinden
Stell dir vor, wir säßen drin
Egal, wohin

Hauptsache raus aus dieser Folge

(Frei nach Max Giesinger)

Slow Living gegen das Doomscrolling

Auf dieser Bank im Park sitzen zwei Männer, die fast gleich aussehen. Der eine ist etwas älter und etwas größer, der andere etwas jünger und kleiner. Ansonsten könnten sie beinahe Brüder sein: ähnliche Kleidung, ähnliche Haltung und dieselbe konzentrierte, aber irgendwie auch verschmitzte Miene.

Zwischen ihnen liegt ein Blatt Papier. Ich schätze mal, es ist eine Liste. Der Größere hält einen Kugelschreiber in der Hand, der Kleinere beugt sich immer wieder vor, um besser sehen zu können. Hin und wieder zeigt einer auf eine Zeile. Dann reden sie leise miteinander, nicken sehr ernst oder schütteln langsam den Kopf, als müssten sie über etwas entscheiden, das mindestens den weiteren Verlauf des Nachmittags betrifft.

Dabei packen sie ihre Brote aus. Auch das machen sie erstaunlich langsam. Der Größere öffnet seine Brotdose mit großer Sorgfalt, nimmt sein Brot heraus und betrachtet es erst einmal. Der Kleinere faltet das Papier um sein Brot ordentlich auseinander und streicht es auf seinem Schoß glatt. Dann beißen beide hinein, kauen lange und sagen eine Weile gar nichts.

Zwischendurch beobachten sie die Menschen um sich herum. Manchmal scheint einer etwas entdeckt zu haben und deutet möglichst unauffällig in eine Richtung. Der andere schaut hin, denkt kurz nach und sagt etwas, das ich nicht verstehen kann. Danach wird wieder auf die Liste geschaut.

Man kann nicht erkennen, woran die beiden arbeiten. Es sieht ein bisschen nach Besprechung aus, nur ohne Eile und ohne jeden erkennbaren Anlass: zwei Männer auf einer Parkbank, zwei Brote, ein Kugelschreiber und eine Liste, deren Bearbeitung offenbar ruhig den ganzen Nachmittag dauern darf.

Plötzlich merken sie, dass ich sie beobachte, sie schieben ihre Brotdosen zur Seite, stehen auf bewegen sich langsam auf mich zu.

Das Momentum nach der Trinkpause

Es stand 2:2, die Trikots klebten, der Trainer schrie irgendwas über Räume zumachen, und alle Spieler starrten nur auf die Wasserflaschen, als hätten die irgendwelche Antworten parat. Hatten sie nicht. Wie sollten sie im letzten Viertel noch das eine erlösende Tor schießen?

Da trat plötzlich der Praktikant des Teams, Udo, nach vorne.

„Ich habe mir fürs letzte Viertel ein paar Aufgaben überlegt“, sagte er und hielt einen zerknitterten Zettel hoch. „Zur Motivation“, fügte er hinzu. Das machte es nicht besser.

Der Kapitän blinzelte. „Udo, wir spielen gerade ein WM-Vierundsechzigstelfinale.“

„Eben“, sagte Udo. „Also: Einer von euch muss dem Gegner unauffällig etwas Gebrauchtes verkaufen. Schienbeinschoner, Tape, egal. Dann muss jemand den Schiedsrichter dazu bringen, das Wort Katzenstreu zu sagen. Außerdem sollte mindestens ein Verteidiger so tun, als hätte er wahnsinnig Hunger, bis ein Mitspieler sagt: Oh, da bekomme ich jetzt aber Appetit. Und ganz wichtig: Der Torwart muss durch demonstratives Gähnen mindestens einen Stürmer anstecken.“

Der Trainer wurde still. Alle wurden still. Das ganze Stadion schwieg plötzlich.

„Bonusaufgaben gibt es auch“, sagte Udo schnell. „Jemand muss eine Vuvuzela erwähnen. Und falls wir gewinnen, sagt bitte in die Kamera: Es ging uns gar nicht um den Sieg.“

Die Mannschaft sah ihn an. Dann sah sie aufs Spielfeld. Dann nickte der Kapitän langsam.

„Gut“, sagte er. „Aber Katzenstreu machst du.“

Die Schwere der Beschwerde

___ hat mir nur den Titel der Folge geschickt. Nur den Titel. Nicht den Inhalt, nicht die Richtung, nicht einmal ein halbwegs nettes „mach mal ungefähr so“, sondern bloß: „Die Schwere der Beschwerde“. Und daraus soll ich nun Shownotes machen. Ich bin offenbar nicht mehr Mitpodcaster, sondern ein Beschwerdeverarbeitungsapparat mit Ohren.

___ Anfang steht also nicht die Idee, sondern die Lücke. Der Titel ist da, aber alles andere fehlt. Das ist gemein. Eine Beschwerde braucht Gewicht, braucht Anlass. Die Beschwerde soll schwer sein, und das ist sie je normalerweise, weil sie immer etwas mit enttäuschter Hoffnung zu tun hat. Wer sich beschwert, hat ja vorher noch geglaubt, es könne besser sein.

Das ___ dieser Erkenntnis ist, dass ich hier sitze und aus einem Titel einen Text auswringen soll wie aus einem nassen Handtuch. Ich komme also, um mich zu beschweren über die Beschwerde, und damit ist auch schon alles gesagt. Denn die Beschwerde beschwert sich nicht über die Welt, sie macht die Welt überhaupt erst beschwerlich. Ohne Beschwerde wäre alles leichter. Aber auch langweiliger, dümmer.

Natürlich ___ ich Teddy. Über diese Unverschämtheit, mir einen Titel einfach hinzuwerfen. Aber während ich mich beschwere, merke ich, dass der Titel gar nicht schlecht ist. Das ist das Schlimmste: ___ sitze hier und muss zugeben, dass ausgerechnet dieser dieser Titelhändler, dieser Versender von Zumutungen, wieder einmal recht hatte.

Du übertriffst ___ selbst mal wieder, glaube ich, und hier liegt die eigentliche Schwere: Man will wütend sein, aber die Wut trägt einen irgendwohin. Man will schimpfen, aber plötzlich entsteht ein Gedanke. Man will Teddy verfluchen, ___ am Ende schreibt man doch seine Shownotes.

Also gut. Hier stehen sie. Ich habe sie gemacht, widerwillig, beschädigt. Und ___ sitze ich zufrieden hier auf meinem  ___.