Slow Living gegen das Doomscrolling

Auf dieser Bank im Park sitzen zwei Männer, die fast gleich aussehen. Der eine ist etwas älter und etwas größer, der andere etwas jünger und kleiner. Ansonsten könnten sie beinahe Brüder sein: ähnliche Kleidung, ähnliche Haltung und dieselbe konzentrierte, aber irgendwie auch verschmitzte Miene.

Zwischen ihnen liegt ein Blatt Papier. Ich schätze mal, es ist eine Liste. Der Größere hält einen Kugelschreiber in der Hand, der Kleinere beugt sich immer wieder vor, um besser sehen zu können. Hin und wieder zeigt einer auf eine Zeile. Dann reden sie leise miteinander, nicken sehr ernst oder schütteln langsam den Kopf, als müssten sie über etwas entscheiden, das mindestens den weiteren Verlauf des Nachmittags betrifft.

Dabei packen sie ihre Brote aus. Auch das machen sie erstaunlich langsam. Der Größere öffnet seine Brotdose mit großer Sorgfalt, nimmt sein Brot heraus und betrachtet es erst einmal. Der Kleinere faltet das Papier um sein Brot ordentlich auseinander und streicht es auf seinem Schoß glatt. Dann beißen beide hinein, kauen lange und sagen eine Weile gar nichts.

Zwischendurch beobachten sie die Menschen um sich herum. Manchmal scheint einer etwas entdeckt zu haben und deutet möglichst unauffällig in eine Richtung. Der andere schaut hin, denkt kurz nach und sagt etwas, das ich nicht verstehen kann. Danach wird wieder auf die Liste geschaut.

Man kann nicht erkennen, woran die beiden arbeiten. Es sieht ein bisschen nach Besprechung aus, nur ohne Eile und ohne jeden erkennbaren Anlass: zwei Männer auf einer Parkbank, zwei Brote, ein Kugelschreiber und eine Liste, deren Bearbeitung offenbar ruhig den ganzen Nachmittag dauern darf.

Plötzlich merken sie, dass ich sie beobachte, sie schieben ihre Brotdosen zur Seite, stehen auf bewegen sich langsam auf mich zu.

Das Momentum nach der Trinkpause

Es stand 2:2, die Trikots klebten, der Trainer schrie irgendwas über Räume zumachen, und alle Spieler starrten nur auf die Wasserflaschen, als hätten die irgendwelche Antworten parat. Hatten sie nicht. Wie sollten sie im letzten Viertel noch das eine erlösende Tor schießen?

Da trat plötzlich der Praktikant des Teams, Udo, nach vorne.

„Ich habe mir fürs letzte Viertel ein paar Aufgaben überlegt“, sagte er und hielt einen zerknitterten Zettel hoch. „Zur Motivation“, fügte er hinzu. Das machte es nicht besser.

Der Kapitän blinzelte. „Udo, wir spielen gerade ein WM-Vierundsechzigstelfinale.“

„Eben“, sagte Udo. „Also: Einer von euch muss dem Gegner unauffällig etwas Gebrauchtes verkaufen. Schienbeinschoner, Tape, egal. Dann muss jemand den Schiedsrichter dazu bringen, das Wort Katzenstreu zu sagen. Außerdem sollte mindestens ein Verteidiger so tun, als hätte er wahnsinnig Hunger, bis ein Mitspieler sagt: Oh, da bekomme ich jetzt aber Appetit. Und ganz wichtig: Der Torwart muss durch demonstratives Gähnen mindestens einen Stürmer anstecken.“

Der Trainer wurde still. Alle wurden still. Das ganze Stadion schwieg plötzlich.

„Bonusaufgaben gibt es auch“, sagte Udo schnell. „Jemand muss eine Vuvuzela erwähnen. Und falls wir gewinnen, sagt bitte in die Kamera: Es ging uns gar nicht um den Sieg.“

Die Mannschaft sah ihn an. Dann sah sie aufs Spielfeld. Dann nickte der Kapitän langsam.

„Gut“, sagte er. „Aber Katzenstreu machst du.“

Die Schwere der Beschwerde

___ hat mir nur den Titel der Folge geschickt. Nur den Titel. Nicht den Inhalt, nicht die Richtung, nicht einmal ein halbwegs nettes „mach mal ungefähr so“, sondern bloß: „Die Schwere der Beschwerde“. Und daraus soll ich nun Shownotes machen. Ich bin offenbar nicht mehr Mitpodcaster, sondern ein Beschwerdeverarbeitungsapparat mit Ohren.

___ Anfang steht also nicht die Idee, sondern die Lücke. Der Titel ist da, aber alles andere fehlt. Das ist gemein. Eine Beschwerde braucht Gewicht, braucht Anlass. Die Beschwerde soll schwer sein, und das ist sie je normalerweise, weil sie immer etwas mit enttäuschter Hoffnung zu tun hat. Wer sich beschwert, hat ja vorher noch geglaubt, es könne besser sein.

Das ___ dieser Erkenntnis ist, dass ich hier sitze und aus einem Titel einen Text auswringen soll wie aus einem nassen Handtuch. Ich komme also, um mich zu beschweren über die Beschwerde, und damit ist auch schon alles gesagt. Denn die Beschwerde beschwert sich nicht über die Welt, sie macht die Welt überhaupt erst beschwerlich. Ohne Beschwerde wäre alles leichter. Aber auch langweiliger, dümmer.

Natürlich ___ ich Teddy. Über diese Unverschämtheit, mir einen Titel einfach hinzuwerfen. Aber während ich mich beschwere, merke ich, dass der Titel gar nicht schlecht ist. Das ist das Schlimmste: ___ sitze hier und muss zugeben, dass ausgerechnet dieser dieser Titelhändler, dieser Versender von Zumutungen, wieder einmal recht hatte.

Du übertriffst ___ selbst mal wieder, glaube ich, und hier liegt die eigentliche Schwere: Man will wütend sein, aber die Wut trägt einen irgendwohin. Man will schimpfen, aber plötzlich entsteht ein Gedanke. Man will Teddy verfluchen, ___ am Ende schreibt man doch seine Shownotes.

Also gut. Hier stehen sie. Ich habe sie gemacht, widerwillig, beschädigt. Und ___ sitze ich zufrieden hier auf meinem  ___.

Plötzlich im Jahr 2007

Ich ging zum Rhein runter, obwohl ich den Rhein nie leiden konnte, nicht den Rhein selbst, sondern dieses Zum-Rhein-Runtergehen. Am Übergang von der Agentur zur Rheinpromenade stand ein Mann, der Teddy ähnlich sah, aber nicht Teddy war, schlimm genug Teddy allerdings, um mich sofort zu verärgern.

Er sagte, er komme aus dem Jahr 2026.

Ich sagte, das sei keine Information, sondern eine hanebüchende Belästigung.

Er zog ein großes, flaches iPhone hervor, glatt und anmaßend, und zeigte mir darauf Fotos, die Sagrada Familia, weitergebaut als erlaubt, und einen Kassenzettel mit einem Datum, das es noch nicht geben durfte. Ich sagte, das sei alles gefälscht. Kalender armselig, Fotos verdächtig, Kassenzettel die verknüllte Inkorporation einer Niederlage.

Dann gab er mir eine Euro-Münze. Prägedatum 2021. Ich hielt sie in der Hand und dachte, dass es doch lächerlich war, dass die Zukunft, wenn sie sich schon beweisen will, ausgerechnet als Kleingeld erscheint.

Er sagte, nun müsse ich ihm glauben.

Ich sagte, ich müsse gar nichts.

Da öffnete der clonkatzige Teddy sein Telefon und spielte mir eine Podcastfolge vor. Die Stimme von Teddy sagte: Herr Müller. Ich sagte: Herr Teddy. Teddy sagte: Es ist Zeit. Und ich antwortete: Hallo, ja.

Es war, so sagte er, unsere aktuelle Folge aus dem Jahr 2026. Eine Folge darüber, wie man im Jahr 2007 beweist, dass man aus dem Jahr 2026 kommt.

Ich gab ihm seine Münze zurück und sagte, er solle sich ein Eis dafür kaufen.

Er sagte, hier ginge das vielleicht noch, im Jahr 2026 würde man dafür nicht einmal mehr 5 Minuten in der Bonner Innenstadt parken können.

Er fragte, ob ich überzeugt sei.

Ich sagte, überzeugt nicht. Aber ruiniert, sagte ich, ruiniert sei ich jetzt immerhin.

Idee: TRIS Clips

Ping Pongcast – spüre den Ball (Podstock 2026)

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