Slow Living gegen das Doomscrolling

Auf dieser Bank im Park sitzen zwei Männer, die fast gleich aussehen. Der eine ist etwas älter und etwas größer, der andere etwas jünger und kleiner. Ansonsten könnten sie beinahe Brüder sein: ähnliche Kleidung, ähnliche Haltung und dieselbe konzentrierte, aber irgendwie auch verschmitzte Miene.

Zwischen ihnen liegt ein Blatt Papier. Ich schätze mal, es ist eine Liste. Der Größere hält einen Kugelschreiber in der Hand, der Kleinere beugt sich immer wieder vor, um besser sehen zu können. Hin und wieder zeigt einer auf eine Zeile. Dann reden sie leise miteinander, nicken sehr ernst oder schütteln langsam den Kopf, als müssten sie über etwas entscheiden, das mindestens den weiteren Verlauf des Nachmittags betrifft.

Dabei packen sie ihre Brote aus. Auch das machen sie erstaunlich langsam. Der Größere öffnet seine Brotdose mit großer Sorgfalt, nimmt sein Brot heraus und betrachtet es erst einmal. Der Kleinere faltet das Papier um sein Brot ordentlich auseinander und streicht es auf seinem Schoß glatt. Dann beißen beide hinein, kauen lange und sagen eine Weile gar nichts.

Zwischendurch beobachten sie die Menschen um sich herum. Manchmal scheint einer etwas entdeckt zu haben und deutet möglichst unauffällig in eine Richtung. Der andere schaut hin, denkt kurz nach und sagt etwas, das ich nicht verstehen kann. Danach wird wieder auf die Liste geschaut.

Man kann nicht erkennen, woran die beiden arbeiten. Es sieht ein bisschen nach Besprechung aus, nur ohne Eile und ohne jeden erkennbaren Anlass: zwei Männer auf einer Parkbank, zwei Brote, ein Kugelschreiber und eine Liste, deren Bearbeitung offenbar ruhig den ganzen Nachmittag dauern darf.

Plötzlich merken sie, dass ich sie beobachte, sie schieben ihre Brotdosen zur Seite, stehen auf bewegen sich langsam auf mich zu.

Auf die Stirn geblickt

Johann Caspar Lavater glaubte im 18. Jahrhundert, auf der Stirn eines Menschen dessen Charakter lesen zu können. Wir wissen, dass das Unfug ist und versuchen es erst gar nicht. Uns reicht es, wenn Esel aus der Stirn den oder die zuständige Bundesministerin lesen kann.

Zum Mitraten: https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskabinett

(Das geht ganz einfach: Größer zoomen, so auf 200% je nach Viewport, langsam runterscrollen, dabei nur die Stirn anzeigen und die Namen oben drüber ignorieren.)

 

Das Momentum nach der Trinkpause

Es stand 2:2, die Trikots klebten, der Trainer schrie irgendwas über Räume zumachen, und alle Spieler starrten nur auf die Wasserflaschen, als hätten die irgendwelche Antworten parat. Hatten sie nicht. Wie sollten sie im letzten Viertel noch das eine erlösende Tor schießen?

Da trat plötzlich der Praktikant des Teams, Udo, nach vorne.

„Ich habe mir fürs letzte Viertel ein paar Aufgaben überlegt“, sagte er und hielt einen zerknitterten Zettel hoch. „Zur Motivation“, fügte er hinzu. Das machte es nicht besser.

Der Kapitän blinzelte. „Udo, wir spielen gerade ein WM-Vierundsechzigstelfinale.“

„Eben“, sagte Udo. „Also: Einer von euch muss dem Gegner unauffällig etwas Gebrauchtes verkaufen. Schienbeinschoner, Tape, egal. Dann muss jemand den Schiedsrichter dazu bringen, das Wort Katzenstreu zu sagen. Außerdem sollte mindestens ein Verteidiger so tun, als hätte er wahnsinnig Hunger, bis ein Mitspieler sagt: Oh, da bekomme ich jetzt aber Appetit. Und ganz wichtig: Der Torwart muss durch demonstratives Gähnen mindestens einen Stürmer anstecken.“

Der Trainer wurde still. Alle wurden still. Das ganze Stadion schwieg plötzlich.

„Bonusaufgaben gibt es auch“, sagte Udo schnell. „Jemand muss eine Vuvuzela erwähnen. Und falls wir gewinnen, sagt bitte in die Kamera: Es ging uns gar nicht um den Sieg.“

Die Mannschaft sah ihn an. Dann sah sie aufs Spielfeld. Dann nickte der Kapitän langsam.

„Gut“, sagte er. „Aber Katzenstreu machst du.“

WM-Spezial 2026: Deutschland gegen Paraguay

Valentina wusste nicht, warum sie beim letzten Mal gedacht hatte: Alte Möbel, die keiner mehr braucht, gehen auch gerne mal kaputt. Und dann hatte sie genau so einen Schrank gekauft. Paraguay-Nussbaum, sagte der Händler auf dem Flohmarkt. Seltenes Holz. Sie kannte nur eine einzige Nussbaumsorte richtig gut, aber sie dachte: Ich rocke das.

Jetzt stand das Ding in der Werkstatt, und es war hart anzugucken. Drei Schubladen klemmten, die Rückwand hatte einen Riss, und das linke Bein knickte ein, sobald man dagegenstieß. Ein sehr schweres Stück Arbeit. Valentina leimte, schliff, setzte an, scheiterte. Der Wille war nur halb da, weil sie im Kopf nicht ganz frisch war nach dem Fail mit dem Küchentisch letzte Woche, der sie drei Abende und Rückenschmerzen gekostet hatte. Aber sie blieb beharrlich. Wer beharrlich bleibt, kommt zum Ziel – das hatte ihre Großmutter gesagt, eine Frau, die alles bis zur letzten Konsequenz durchzog. Und irgendwann, spätabends, fast in der Nachspielzeit des Tages, hielt die dritte Schublade. Dann die zweite. Dann, als Kirsche auf der Sahne, saß auch das Bein wieder fest.

Valentina trat einen Schritt zurück und betrachtete den Schrank. Nicht schön, wenn man genau hinsah. Aber stabil. Individuelle Klasse ist, dachte sie, wenn man weiß, wann Aufhören besser aussieht als Weitermachen. Am nächsten Morgen klemmte die erste Schublade wieder.

Unser gemeinsames Orakelergebnis: 2:1 für Deutschland

Die Schwere der Beschwerde

___ hat mir nur den Titel der Folge geschickt. Nur den Titel. Nicht den Inhalt, nicht die Richtung, nicht einmal ein halbwegs nettes „mach mal ungefähr so“, sondern bloß: „Die Schwere der Beschwerde“. Und daraus soll ich nun Shownotes machen. Ich bin offenbar nicht mehr Mitpodcaster, sondern ein Beschwerdeverarbeitungsapparat mit Ohren.

___ Anfang steht also nicht die Idee, sondern die Lücke. Der Titel ist da, aber alles andere fehlt. Das ist gemein. Eine Beschwerde braucht Gewicht, braucht Anlass. Die Beschwerde soll schwer sein, und das ist sie je normalerweise, weil sie immer etwas mit enttäuschter Hoffnung zu tun hat. Wer sich beschwert, hat ja vorher noch geglaubt, es könne besser sein.

Das ___ dieser Erkenntnis ist, dass ich hier sitze und aus einem Titel einen Text auswringen soll wie aus einem nassen Handtuch. Ich komme also, um mich zu beschweren über die Beschwerde, und damit ist auch schon alles gesagt. Denn die Beschwerde beschwert sich nicht über die Welt, sie macht die Welt überhaupt erst beschwerlich. Ohne Beschwerde wäre alles leichter. Aber auch langweiliger, dümmer.

Natürlich ___ ich Teddy. Über diese Unverschämtheit, mir einen Titel einfach hinzuwerfen. Aber während ich mich beschwere, merke ich, dass der Titel gar nicht schlecht ist. Das ist das Schlimmste: ___ sitze hier und muss zugeben, dass ausgerechnet dieser dieser Titelhändler, dieser Versender von Zumutungen, wieder einmal recht hatte.

Du übertriffst ___ selbst mal wieder, glaube ich, und hier liegt die eigentliche Schwere: Man will wütend sein, aber die Wut trägt einen irgendwohin. Man will schimpfen, aber plötzlich entsteht ein Gedanke. Man will Teddy verfluchen, ___ am Ende schreibt man doch seine Shownotes.

Also gut. Hier stehen sie. Ich habe sie gemacht, widerwillig, beschädigt. Und ___ sitze ich zufrieden hier auf meinem  ___.