Zwei nackte Flaneure

Es war ein milder Tag, nicht mehr Winter und noch nicht ganz Frühling, einer dieser Tage, die vor Freundlichkeit strotzen, in einer freundlich übertriebenen Art, an denen selbst ein stiller See aus ehemaligem Tagebau eine Bedeutungsschwere bekommt. Über dem Wasser lag Ruhe, über der Landschaft ein besänftigender Ernst.

Zwei Herren, seit Jahren in eigentümlicher Freundschaft verbunden, gingen dort spazieren. Sie waren Flaneure, Menschen, denen nicht das Ziel wichtig ist, sondern das Gehen, Schauen und Sprechen. Dass sie dabei nackt waren, verlieh dem Ganzen nichts Anstößiges, sondern eher etwas Unschuldiges, Absonderliches , als wollten sie erproben, wie wenig es braucht, um sich einer Landschaft verbunden zu fühlen.

Während sie am Ufer entlangschritten, sprachen sie über Seen und Inseln, über Urlaubstypen, Wind und darüber, wie nah einem ein Ort kommen kann, den man vorher kaum kannte. Aus Scherz wurde Nachdenklichkeit, aus einem kleinen Ratespiel beinahe eine Erkenntnis.

Schließlich blieben sie stehen und blickten aufs Wasser. Der See war nicht großartig, aber von jener stillen Art Schönheit, die keinen Eindruck machen will und gerade deshalb eindrucksvoll ist.

Und vielleicht, so dachten sie, ist Freundschaft am Ende nichts anderes, als gemeinsam um einen See zu gehen, nackt womöglich, und für einen Augenblick zu glauben, das sei eine große Reise.

Karte

Fenster zur Welt

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und sah aus weiter Ferne
Die Bilder im stillen Land.

Das Herz mir im Leibe entbrennte,
Da hab’ ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer doch mitreisen könnte
In der prächtigen Frühlingsnacht!

Zwei gute Gesellen gingen
Vorüber am Bildschirmrand,
Ich hörte im Klicken sie singen
Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Straßenschluchten,
Wo Lampen leuchten bei Nacht,
Von Webcams, die aus den Fernen
Uns zeigen die Welt in Pracht.

Sie sangen von Inselgestaden,
Von Bergen im Dämmerschein,
Von Städten, die über dem Wasser
Im flimmernden Dunkel sein,

Wo Menschen am Fenster lauschen,
Wann neuer ein Livestream erwacht,
Und Straßen und Plätze rauschen
In der prächtigen Frühlingsnacht.

Das Einkaufszentrum von Sachsenotto

Neunzehn Jahre. Es ist eine dieser Zahlen, die man ansieht und sofort wieder vergisst, weil sie unmöglich richtig sein kann. Als hätte jemand die Zeit unbemerkt gefaltet. Die Jahre mit Teddy kommen mir nicht vor wie eine Strecke, eher wie ein Zustand: ein langer, heller Durchzug aus Unsinn, Treue und sehr speziellen Gedanken. Und nun stehe ich in dieser stillen Ladenpassage, in der alles ein wenig aufgeladen wirkt, als hielte die Welt selbst den Atem an vor diesem 19-jährigen Jubiläum.

Links das Partygeschäft mit seinem übermütigen Kitsch aus Ballons, Kerzen und Dingen, die für einen Abend gemacht sind und dann für immer in Erinnerung bleiben. Daneben der Bäcker, warm, golden, leicht erschöpft, als hätte auch er all die Jahre mitgezählt. Weiter der Blumenladen, kühl und feierlich, voller Sträuße, Vasen und jener schönen Vergänglichkeit, die immer so tut, als sei sie nur Dekoration. Irgendwo glänzen Flaschen im Getränkeladen hinter verschlossenen Dingen, und im Musikgeschäft scheint selbst das Schweigen auf etwas zu warten. Alles ist vertraut und zugleich seltsam entrückt, als läge über den Geschäften ein Rätsel, das nur heute sichtbar wird.

Ich gehe durch diese kleine Welt mit echter Vorfreude und einer Dankbarkeit, die sich kaum verbergen lässt. Denn hinter der Glasfront ist Teddy, und endlich will ich zu ihm. Man spürt, dass hier nichts zufällig platziert wurde. Jedes Schaufenster, jede Tür, jeder Laden scheint ein leises Geheimnis zu kennen. Ein Bäcker bewahrt mehr als Backwaren, ein Blumenladen mehr als Blüten, und selbst die unscheinbarsten Gegenstände wirken, als hätten sie auf diesen Tag gewartet.

Vielleicht ist das das Merkwürdige an neunzehn Jahren: dass sie im Rückblick wie im Flug vergangen sind und trotzdem überall Spuren hinterlassen haben. In Räumen. In Stimmen. In Blicken durch Glas. Und in dieser freudigen Gewissheit, dass hinter all dem Teddy wartet.

Hier zum Nachspielen der Link zum Spiel (Runterladen, Zip entpacken, Hinweistext lesen, index.html anklicken).

Felosophie

Manches hat man verdrängt. Anderes haben sich bloß die anderen ausgedacht. Konsequenzen gibt’s gratis dazu.

Vielen Dank an Felo für die Idee zu dieser Folge und für die sehr netten Worte unten in den Kommentaren. Wir freuen uns sehr, wenn wir ein kleines bisschen Mitschuld an einer Podcast-Laufbahn tragen, die am Ende sogar in einer Nabel-Show mündete. Schaut unbedingt mal bei Felo rein: Die Nabel-Show.

So schlecht waren wir noch nie

Teddy fand den Kassettenrekorder auf dem Dachboden und drückte natürlich sofort auf die Rückspultaste. Klack.

Schon standen Esel und Teddy 1989 in der Prager Botschaft, mitten in einer aufgeregten Menge. Teddy hielt einen Zettel in der Hand; woher der gekommen war, wusste er nicht. Der Auftrag war eindeutig: Menge beruhigen, damit Genschers ganze Rede hörbar bleibt. Ausreise nicht genehmigt!

Dann trat ein Mann auf den Balkon. „Ist das Genscher?“, fragte Teddy.

Esel musterte ihn. „Nee. Genscher ist dicker.“

„Oder mit Bart.“

„Wo sind wir hier überhaupt? Und wann? Wer sind die Menschen hier alle?“

Der Mann begann zu sprechen. Unten wurde es still.

„Wir sind heute zu Ihnen gekommen …“

„Oh“, sagte Teddy. „Das kommt mir bekannt vor, das ist doch Kennedy.“

„Nein, ich glaube, das ist ein Konzert, das ist David Hasselhoff.“

„… um Ihnen mitzuteilen …“, setzte der Mann am Balkon fort.

Hinten verstand man nichts, vorne wurde schon gezappelt. Um die Menge zu beruhigen, rief Teddy im gleichen Moment, als der Mann das Wort „Ausreise“ sagte: „Seid mal ruhig, das ist David Hasselhoff!“

Und sofort brach Jubel los. Dass die Ausreise eben nicht genehmigt war, hat nie jemand erfahren.