Outtakes 2018 (Teil 4)

Wir schälen Kartoffeln. Machen wir sonst eigentlich nie, weil die Vitamine ja direkt unter der Schale stecken, aber vorm Pürieren muss man es dann halt doch machen. Wir schälen sie also, waschen sie, schneiden sie in der Mitte durch und werfen sie ins kochende Salzwasser. Während sie so vor sich hin garen, machen wir uns an die Zwiebeln. Ich weine. Du bist schlau und hast Dir eine Taucherbrille aufgesetzt. Die schützt Dich vor den Tränen. Deshalb übernimmst Du schließlich auch das Würfeln. Ich schnappe mir derweil die Rote Beete und die Gurken, gieße den Saft ab – in ein Gefäß natürlich, wir brauchen ihn ja noch – und schneide sie auch. Nicht in Würfel, aber in kleine Stückchen. „Feine Würfel“ steht im Rezept, aber das kann ich nicht so gut. Es sind eher grobe Quader. Egal.

Du magst Rollmöpse nicht, ich erkläre Dir aber, dass sie da reingehören, es geht nicht ohne. Ich halbiere auch die. Du nimmst Butter, mehr als angegeben, damit es besser schmeckt. Denn, so sagst Du, Fett ist ein Geschmacksträger. Ich finde, das klingt plausibel und lasse Dich machen. Du schmeißt die Zwiebeln rein und es riecht gut, wie sie da so in der Butter braten. Du zerhackst das Corned Beef und legst es behutsam neben die Zwiebeln in die Pfanne. Ich würze dabei alles schön mit Salz, Pfeffer und Piment. Es riecht noch besser. Wir haben Hunger, wir haben echt großen Hunger und wir können es nicht lassen und stibitzen uns beide ein Stück von dem Fleisch und trinken einen Schluck Rote-Beete-Saft.

Die Kartoffeln sind inzwischen gar und während Du sie mit all Deiner männlichen Stampfkraft in Püree verwandelst, schütte ich den Rest vom Saft drüber und brate in einer zweiten Pfanne schnell vier Spiegeleier.

Dann richten wir alles nett auf einem Teller an, öffnen eine Flasche Rum-Verschnitt und genießen. Perfekt. Alle Reste verbraucht und ein leckeres Essen gezaubert.

Outtakes 2018 (Teil 3)

Es hat ja schon auch einen Grund, warum man Teile rausnimmt aus einem Ganzen. Man schneidet faule Stücke aus dem Apfel, damit man den Rest noch essen kann zum Beispiel. Oder der Lehrer nimmt den Klassenclown aus dem Plenum und setzt ihn einsam nach vorne, weil er die schlechten Witze nicht mehr ertragen kann. Oder der Maurer nimmt ein Stück Wand heraus, um einen Durchgang zu bauen.
Es gibt wiederum keinen Grund, diese herausgenommenen Teile wahllos wieder zusammenzusetzen.

Outtakes 2018 (Teil 2)

Wenn Michelangelo einen Stein ansah, sah er keinen Stein, sondern eine Figur, eine Skulptur. Er hatte immer schon das fertige Kunstwerk vor Augen, einen David, einen Moses, Brutus oder Christus. Er wusste schon vorher genau, welche Stücke er aus dem Marmor herausmeißeln würde, weil sie nicht Teil des Kunstwerkes waren, das er erschaffen wollte. Und als die Skulptur schließlich aus dem Stein herausgeschält war, hat er die Reste natürlich weggeschmissen, weil sie ja von Anfang an nie dazugehört haben. Ab in die Marmortonne damit. Oder wo immer man damals in der Renaissance seine Steinreste so entsorgt hat.

Michelangelo nicht und auch niemand sonst wäre damals auf die Idee gekommen, diese Reste aufzubewahren. Und hätte es trotzdem jemand getan und diese Reste für die Nachwelt aufbewahrt, und würde heute jemand auf die Idee kommen, sie auszustellen, und selbst wenn die Ausstellungen keinen Eintritt kosten würden. Kein Mensch würde sie sich anschauen.

Outtakes 2018 (Teil 1)

Mir kam da neulich beim Frisör so ein Gedanke. Ich gehe so alle sechs Wochen dahin. Weil die Haare doch wieder ein bisschen außer Form gewachsen sind. Vor allem hinten, wo noch viele sind. Aber auch vorne, weil da das Resthaar da so unschön hahnenkammartig rauswächst. Ich saß so da und habe mir die Haare waschen lassen, die Augen zugemacht und nachgedacht. Über die Welt und mich und alles. Auf dem Stuhl habe ich dann sowas gesagt wie „Hinten 12 Millimeter, vorne auch kurz, aber nicht so super kurz.“ Wie immer halt. Schnibbeldischnapp waren die Haare ab und sind auf dem Umhang gelandet. Da habe ich dann wieder nachgedacht, als ich die Haare da so liegen sah. Schade eigentlich, dachte ich, dass die jetzt alle ab sind, die waren ja mal ein Teil von mir. Leben Haare eigentlich und sind sie jetzt tot? Muss das eigentlich sein? Dass man die am Ende so kalt zusammenfegt und einfach in den Müll schmeißt. Muss doch nicht sein. Die gehören doch auch dazu. Zu mir. Sind nicht alle schön, viele auch schon grau, aber trotzdem, ich werde sie vermissen. Da kam mir dann die Idee.
„Können Sie mir die Haare einpacken?“ – „Echt jetzt?“ Die Friseurin hat mich vielleicht angeguckt. „Ja, bitte!“ Warum denn auch nicht, geht ja im Restaurant auch. Da mache ich mir jetzt eine schöne Perücke draus. Geniale Idee.