Auf dem Bürgersteig vor 3 Savile Row (leider nicht)

Zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre habe ich gewartet.

Damals hat es irgendwann einfach nicht mehr gepasst. Jeder ist seinen Weg gegangen. Und wahrscheinlich haben beide lange geglaubt, dass es besser so war.

Ich stehe in den vordersten Reihen, ziemlich weit links, aber nah genug dran.

Jetzt kommen sie Arm in Arm auf die Bühne, ein bisschen unbeholfen vielleicht, aber sie müssen ja erst wieder herausfinden, wie das geht. Eigentlich tun sie gar nichts Besonderes. Es reicht schon, dass sie da sind. Zusammen. Und plötzlich sieht alles so einfach aus.

Als hätten sie sich all die Jahre vermisst. Als wäre das, was damals nicht mehr gepasst hat, mit der Zeit wieder passend geworden.

Vielleicht waren sie ja doch gar nicht so verschieden gewesen.

Vielleicht passen sie ja doch sogar verdammt gut zusammen.

Dann ist alles still, Freude, Spannung, neben mir weint jemand. Dann geht er ans Mikro. „Hallo, Herr Müller!“

Und das Stadion tobt.

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Die Beamten staunten nicht schlecht

POLIZEI – Zwei Podcaster mit ungewöhnlichem Pressearchiv aufgefallen

Am Mittwochabend wurden Beamte auf zwei Männer aufmerksam, die nach eigenen Angaben seit mehreren Jahren Polizeimeldungen und Zeitungsberichte sammelten, in denen die Formulierung „Die Beamten staunten nicht schlecht“ vorkam. Bei der anschließenden Überprüfung stellte sich heraus, dass die beiden Podcaster über einen umfangreichen Bestand entsprechender Meldungen verfügten. Darunter befanden sich zahlreiche kuriose Berichte, in denen Einsatzkräfte mit Situationen konfrontiert wurden, mit denen sie offenbar nicht gerechnet hatten.

Die Beamten staunten nicht schlecht, als sie sahen, wie oft die Beamten in den gesammelten Meldungen nicht schlecht gestaunt hatten.

Nach einer ersten Sichtung konnte eine genaue Anzahl nicht festgestellt werden. Die Sammlung soll jedoch über mehrere Jahre hinweg systematisch erweitert worden sein. Auf die Frage nach dem Zweck des Archivs erklärten die beiden Männer, das Material für ihren Podcast auszuwerten. Die Polizei weist vorsorglich darauf hin, dass das Staunen von Beamten grundsätzlich nicht strafbar ist. Die Ermittlungen dauern nicht an.

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Der große Babo auf dem Pfeifenstrich

Liebe Liebe,
deine Schrift ist mir unbekannt.
Dieser Abstand, dieser Abstand,
er schmerzet
und ist mir doch zugleich Arznei wider die Angst.
Dieser Augenblick bei dir,
tief in meine Seele eingeprägt.
Ich wäre gerne ein Ganglehrer,
doch, bei Gott, ich bin es nicht.
Der Briefwechsel begann.
Du erzähltest von dem Entwurf deines Lebens.
Nunmehr blick ich durch den Tageleuchter,
blicke auf den Gesichtsendiger
und weiß,
dass es dahinter weitergehe,
doch sehen kann ich nicht,
wie und wo.
Oder liegt allda das Nirgendland?
Diese Leidenschaft,
war sie Leidenschaft
oder Sehnsucht?
Du warst wie ein Liebesstein.
Das Lustgetöne,
so viele Überschneidungen im Lustgetöne, das wir mögen
dies mag nicht Zufall allein sein.
Oder bergen wir uns hinter Mummgesichtern?
Deine Mundart,
nuff und nunna könnt ich’s hören.
Verliebtsein ist Scheidekunst im Körper,
durch und durch.
Es könnte der Grundstein sein
für ein Schloß,
eine Burg,
für eine Kutsche, darinnen Bett und Küche.
Verfasser dieser Zeilen bin ich nun.
Die Zeitblicke vergehen,
ich schaue ihnen nach,
zähle sie.
Was aber ist deine Zeugemutter?
(Phillip von Zesen an Maria Becker, 1672)

Die Idee für diese Episode lieferte Ali Hackalife in Auch interessant.

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Our Bass Player Loves This Spice

Als Teddy aufwacht, riecht die Welt nach Zimt und Abenteuer. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel von Esel:

„Bin kurz weg. Muss was probieren. Folge der Spur der Gewürze. Esel“

Teddy seufzt, nimmt seinen kleinen Rucksack und macht sich auf den Weg.

Seine Reise beginnt in Genf. Am Seeufer sitzt ein alter Mann mit einem Stand voller seltsamer Pülverchen.
„Hast du einen Esel gesehen?“, fragt Teddy.
Der Mann schüttelt den Kopf. „Er war hier. Hat nach Mahleb gefragt und ist weiter nach Gerardsbergen.“
Teddy kauft eine Prise Mahleb, die nach Marzipan und Kirschen duftet, und rennt zum Zug.

In Gerardsbergen riecht es nach Regen und Pommes. Auf den Treppen einer alten Kirche findet er eine Kritzelei an der Wand: „Zu wenig Bass. Zu wenig Schärfe. Weiter nach Urfa!“ Daneben klebt ein kleiner Papierteebeutel, darin: Urfa-Biber, dunkle, fermentierte Chili.
Teddy niest. „Esel, du Nase.“

Der nächste Flug bringt ihn in die Türkei. In einem Markt in der Nähe von Şanlıurfa streicht eine Händlerin ihm über den Kopf. „Ein Esel war hier. Er hat nach einem Gewürz gefragt, das klingt wie ein Planet. Kalonji. Dann ist er weiter nach Geo Chang in Südkorea.“
Teddy schnauft. „Der reist ja wie eine Boyband auf Tour.“

In Geo Chang stapft Teddy durch Nebel und Neonlicht. An einer Straßenküche serviert ihm jemand Suppe. Oben drauf schwimmt etwas, das nach geröstetem Pfeffer und Erde riecht.
„Ajowan“, erklärt der Koch. „Esel wollte nur probieren. Er meinte, sein Freund Teddy würde das mögen. Dann sprach er von Gitega, Hauptstadt von Burundi.“

Also fliegt Teddy nach Afrika. In Gitega ist die Luft warm und staubig. Auf einem kleinen Markt findet er einen Stand mit gläsernen Schraubgläsern. Ein Junge zeigt ihm eines mit winzigen Samen.
„Raduni. Wie Selleriesamen. Der Esel hat gesagt, du wirst dir den Namen nie merken.“
„Wird er schon sehen“, murmelt Teddy und steckt das Glas ein.

Die Spur führt weiter nach Geita in Tansania, dann nach Geumsan in Korea, wo alles nach Ginseng riecht. Überall dieselbe Geschichte: „Ja, Esel war hier. Hat gefragt, ob schon ein Teddy vorbeigekommen ist. Er hat’s eilig.“
Teddy nicht. Er ist müde, aber jedes neue Gewürz lässt ihn weiterlaufen: Anardana aus Granatapfelkernen in Indien, Zedoar und Galgant, die scharf nach Ingwer und Wald schmecken. In Georgien stolpert er über Ajika, eine feurige Mischung, in Spanien über rotes Pimentón, in Tunesien über Tabil, in Japan über zitronig-prickelnden Sancho.
Ganz am Ende sitzt Teddy in einem kleinen Zimmer in Geleen in Holland. Vor ihm auf dem Tisch: ein chaotischer Kreis aus Tütchen und Gläsern – Mahleb, Urfa-Biber, Kalonji, Ajowan, Raduni, Anardana, Zedoar, Galgant, Ajika, Pimentón, Amchur, Sancho, Tabil, ein Schälchen Zaatar. Die ganze Reise als Duft-Weltkarte.

Die Tür geht auf. Esel steckt den Kopf hinein.
„Na, du riechst ja wie ein ganzes Kochbuch.“
Teddy sieht ihn an, erst wütend, dann lachend. „Du warst immer nur ein Gewürz weiter?“
Esel setzt sich, nimmt eine Prise Zaatar und streut sie auf ein Stück Brot. „Ich wollte, dass du mich suchst.“
„Warum?“
„Weil man Freundschaft manchmal erst richtig schmeckt, wenn man einmal um die Welt gelaufen ist.“

Teddy überlegt kurz, beißt in das Brot und nickt.
„Beim nächsten Mal“, sagt er, „suchst du mich.“
„Abgemacht“, grinst Esel.

Ich schaue auch gerade mal so ein bisschen auf die Uhr

Die Sonne schlägt mir wieder ins Gesicht, schlechtgelaunt, und ich soll nun, ausgerechnet jetzt, eine nüchterne Zusammenfassung dieses Gesprächs verfassen. Nüchtern! Ich habe doch schon seit Tagen – oder … Jahren? – kein verlässliches Zeitgefühl mehr. Die Uhr über der Tür ist stehen geblieben, vermutlich aus Solidarität.

Das Gespräch begann um… Ja, nun, irgendwann zwischen Sonnenaufgang und der Erinnerung an diese eine alte Folge, in der wir 16 Minuten lang geschwiegen haben. Vielleicht war es also auch einfach Stille, die diplomatische Variante davon jedenfalls. Teddy sprach über Kooperation, Zukunft, Vergangenheit – und ich nickte weise, während mein Geist zu „Liebe in Zeiten der Diarrhoe“ abbog.

Ich kritzle: Die Atmosphäre war konstruktiv. Das stimmt sogar irgendwie; wir konstruierten schließlich beide fleißig Ausreden, um das Gespräch möglichst früh zu beenden. Der Mezcal im Schatten des Vulkans rief lauter als jede Agenda.

Und doch steckt in all dem ein weicher Kern von Traurigkeit: Dieses Gefühl, dass die Zeit nicht mehr linear verläuft, sondern wie eine unaufgeräumte Podcast-Playlist durcheinanderstolpert. Dass jeder Versuch, Ordnung hineinzubringen – sei es diplomatisch oder persönlich – im warmen Staub Mexikos verpufft.

Ich beende meinen Bericht mit einem letzten Satz, der wahrer ist als alles zuvor: Das Gespräch fand statt. Die Zeit nicht.