Fundgrube der Negativität

Aus „The Metropolitan Chronicle“, 17. Oktober 1893

Der Äther-Salon der endlosen Stimmen

Mit Bewunderung und erheblicher Beklemmung vermerkt dieses Blatt eine frische Neuerung unseres ruhelosen Zeitalters. Dampf zähmte die Entfernung, der Telegraph die Zeit, das Telefon die Rede. Nun aber tritt ein Gerät hinzu, klein wie ein Etui, doch groß in seinen Folgen: Es bringt fremde Stimmen, konserviert und beliebig wieder abrufbar, direkt ins Ohr des Bürgers. Ohne Versammlung, ohne gesellschaftliche Hemmung.

Die Erfinder preisen Unterhaltung zum Mitnehmen. Wir sind weniger heiter gestimmt.

Denn bereits mehren sich Berichte, dass Menschen abhängig werden von diesem stetigen Strom gesprochener Worte. Man sieht Schreiber über das Pflaster wandern, mit leerem Blick, als stünden sie im vertraulichen Gespräch mit unsichtbaren Bekannten. Damen lachen im Park über Witze, die niemand sonst gehört hat. Lehrlinge meiden lebendige Kollegen und wählen lieber die ewige Stimme aus der Tasche.

Selbst im Orchestergraben macht sich die Veränderung bemerkbar. Trompeter-Pan, einst bekannt für seinen kräftigen Auftritt zur rechten Stunde, erscheint neuerdings mit Bügeln auf den Ohren zur Probe und verpasst den Einsatz, weil er einer fernen Debatte lauscht. Klarinetten-Karl wiederum, sonst Meister der feinen Zwischentöne, nickt entrückt, während um ihn herum gestimmt wird. Als gelte seine Aufmerksamkeit nicht mehr dem Atem der Mitspieler, sondern dem Atem unsichtbarer Erzähler.

Noch bedenklicher sind erste ärztliche Beobachtungen: Das Ohr, so fein gebaut, passt sich dem Bügelwerk der Hörkapseln an. Nach Wochen des Gebrauchs soll sich das Knorpelwerk dem Druck beugen, die Ohrmuschel der Form des Geräts entgegenkommen und bisweilen diese Form sogar behalten, als hätte die Natur dem Gummi und Metall die Oberhoheit eingeräumt.

Ist dies Fortschritt?

Man rühmt „Gemeinschaft“, weil der Hörer eine intime Nähe zu den unbekannten Sprechern empfinde. Doch was ist das für ein Verkehr, in dem einer unaufhörlich redet und der andere nur empfängt? Die alte Debatte verlangte Gegenrede und Mut; hier wird Meinung in den Bürger gegossen, ohne Widerspruch und Maß.

Wir leugnen den Nutzen nicht: Nachrichten, Lehre, Trost. Aber wir mahnen zur Mäßigung. Wo das Ohr nie leer ist, bleibt der Geist selten allein. Und wenn die Stille verschwindet, verschwindet bald auch die echte Betrachtung.

Die Wunder dieses Jahrhunderts sind zahlreich, aber nicht jedes ist harmlos.

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