Internationaler Ersteindruck

Sehr geehrte Wikipedia-Redaktionen der Welt,

hiermit bewerbe ich mich auf die Position des Erstbildes.

Mir ist bewusst, dass diese Position bei Ihnen nicht ausgeschrieben wird, sondern auf einem komplexen, undokumentierten Konsensverfahren basiert, das jede Sprachversion eigenständig pflegt – manchmal über Jahre, manchmal über Nacht. Genau das macht für mich den Reiz aus.

Ich bringe alles mit, was Sie suchen. Ich bin assoziationsoffen. Ich behaupte nichts Falsches, aber auch nichts Eindeutiges. Ich biete genug visuelle Information, um die nachfolgenden Bilder nicht überflüssig zu machen, und nicht so viel, dass ein Klick auf den Artikeltext entbehrlich würde. Ich kann Begriff sein, ohne Begriff zu erklären. Ich neige nicht zur Repräsentationspflicht. Ich arbeite gerne in Umfeldern, in denen ich in einer Zehntelsekunde bewertet werde und in denen niemand erklären muss, warum ich oben stehe.

Sollte für die Hauptposition kein Bedarf bestehen, biete ich mich auch für die Position als zweites, drittes, viertes oder fünftes Bild einer Seite an. Die hinteren Plätze sind in meinen Augen unterbewertet, und ich schätze die damit verbundenen Aufstiegschancen.

Mit freundlichen Grüßen
Friedrich Aufmacher

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Ente, Piano, Rom

Es ist vielleicht eine der letzten wirklichen Intimitäten, jemandem sein Portemonnaie zu zeigen. Das Gesicht zeigen wir ja andauernd. Unsere Stimmen sind durchs ganze Internet zu hören. Und auch unsere Wohnungen tauchen ständig irgendwo auf, im Hintergrund von Videocalls, auf Fotos, in kleinen Ausschnitten unseres Alltags. Aber das Portemonnaie ist etwas anderes.

Es ist kein Tagebuch, aber vielleicht oft ehrlicher als eines. Es enthält nicht das Leben selbst, sondern seine Ränder: Quittungen, Karten, alte Zettel, Fotos, Bons. Kleine Nachweise einer Existenz, die man offenbar geführt und dann vergessen hat aufzuräumen.

Man zeigt es einem anderen Menschen und glaubt vielleicht, es sei ein Spiel.

So wie damals, 2013, als wir schon einmal unsere Portemonnaies geleert und die Inhalte gegeneinander antreten lassen haben. „Wallet War“ hieß das, sehr modern damals, klingt sehr nach Zukunft, nach Banken, Smartphones und Mobile Payment. Und natürlich ging es am Ende um etwas ganz anderes. Um das, was man bei sich trägt, ohne immer zu wissen, warum eigentlich.

Wir hatten sogar vergessen, dass wir diese Folge schon einmal aufgenommen haben. Erinnerungen sind halt manchmal auch nur ein Bon, der in irgendeinem Nebenfach steckt und nach Jahren so blass geworden ist, dass man ihn kaum noch lesen kann.

Was möchte ich über mich zeigen? Was möchte ich über den anderen festhalten? Und was ist das überhaupt für ein Spiel? Fair ist es jedenfalls nicht. Denn ein Portemonnaie erzählt nie die ganze Wahrheit. Es zeigt nur Reste, Zufälle, Spuren.

Vielleicht ist das traurig. Vielleicht ist es aber auch tröstlich. Freundschaft besteht womöglich nicht darin, einander wirklich vollständig zu kennen. Vielleicht besteht sie eher darin, immer wieder überrascht zu sein von dem, was beim anderen übrig geblieben ist.

Ein Mensch ist nicht nur das, was er über sich zeigt. Er ist vielleicht eher das, was er vergessen hat auszusortieren.

Und so sitzen zwei Menschen da, betrachten Papier, Plastik, Leder, kleine Beweise vergangener Tage, und lachen. Natürlich lachen sie. Man muss ja lachen, wenn das Leben plötzlich in ein Portemonnaie passt.

Undercover Discoveries

Lieder leben, Lieder sterben, das möchte wohl keiner bestreiten. Falls aber doch, postulieren wir das einfach mal. Wenn das also unsere Annahme ist, können wir wohl auch annehmen, dass jedes Lied irgendwann noch einmal wiedergeboren werden möchte. Je häufiger, desto besser, denn umso mehr lebt es. Manche Lieder haben Glück und landen bei Sinéad O’Connor, Aretha Franklin oder Johnny Cash. Andere landen bei Esel.

Das Cover ist nicht das Lied. Es ist ein anderes, oft merkwürdiges Wesen. Es steht vor dem Original und sagt: „Hallo, ich bin du, aber anders.“ Vielleicht sagt es auch: „Ich bin besser, ich stehe ja auf deinen riesigen Schultern.“ Oder es sagt gar nichts, obwohl es eigentlich nur „Bitte verzeih mir, ich wollte dich nicht beleidigen!“ hätte sagen sollen.

In dieser Folge widmen sich Esel und Teddy der Kunst des schlechten Coverns. Also jener Kunstform, bei der man ein bekanntes Lied nicht zerstört, sondern nur so weit beschädigt, dass jemand anderes noch erraten kann, was es früher einmal war. Esel spielt Akkorde. Teddy erkennt Lieder. Oder erkennt zumindest die Absicht hinter den Akkorden. Das ist vielleicht noch schwieriger.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Auch ein schlechtes Cover ist eine Wiedergeburt. Nur eben eine, bei der der Arzt kurz das Zimmer verlässt.

Der große Babo auf dem Pfeifenstrich

Liebe Liebe,
deine Schrift ist mir unbekannt.
Dieser Abstand, dieser Abstand,
er schmerzet
und ist mir doch zugleich Arznei wider die Angst.
Dieser Augenblick bei dir,
tief in meine Seele eingeprägt.
Ich wäre gerne ein Ganglehrer,
doch, bei Gott, ich bin es nicht.
Der Briefwechsel begann.
Du erzähltest von dem Entwurf deines Lebens.
Nunmehr blick ich durch den Tageleuchter,
blicke auf den Gesichtsendiger
und weiß,
dass es dahinter weitergehe,
doch sehen kann ich nicht,
wie und wo.
Oder liegt allda das Nirgendland?
Diese Leidenschaft,
war sie Leidenschaft
oder Sehnsucht?
Du warst wie ein Liebesstein.
Das Lustgetöne,
so viele Überschneidungen im Lustgetöne, das wir mögen
dies mag nicht Zufall allein sein.
Oder bergen wir uns hinter Mummgesichtern?
Deine Mundart,
nuff und nunna könnt ich’s hören.
Verliebtsein ist Scheidekunst im Körper,
durch und durch.
Es könnte der Grundstein sein
für ein Schloß,
eine Burg,
für eine Kutsche, darinnen Bett und Küche.
Verfasser dieser Zeilen bin ich nun.
Die Zeitblicke vergehen,
ich schaue ihnen nach,
zähle sie.
Was aber ist deine Zeugemutter?
(Phillip von Zesen an Maria Becker, 1672)

Die Idee für diese Episode lieferte Ali Hackalife in Auch interessant.

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Feuer, Zähne, Kaffee, Bier

Teddy Paella kommt natürlich gar nicht aus Spanien, er kommt aus Ulmenhorst, einem kleinen Städtchen in Niedersachen. Aber das ist seinen Fans egal. Sie lieben ihn.

Heute steht er auf, greift zur Zahnbürste und putzt sich die Zähne mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der später wieder „Handylampen an“ in ein Mikrofon hauen wird. Noch schnell auf Klo, dann zündet er sicherheitshalber noch ein Streichholz an, damit sein Mitbewohner nichts merkt.

Er packt einen Stapel mit Papieren, seine Setlist, lose Zettel, notdürftig mit einer Büroklammer zusammengeheftet. Dann macht er sich ein alkoholfreies Bier mit einem Kronkorken auf, zieht geschniegelt den Reißverschluss seiner Hose hoch und klappt das Revers seines glänzenden Sackos um.

In der Küche holt er einen Kaffeefilter aus dem Schrank, entscheidet sich dann aber doch für Kamillentee im Teebeutel. Wegen des Magens. (Er würde nie „wegen dem Magen“ sagen, Sprache ist sowas wie sein Elixier.) Mit dem Kugelschreiber kritzelt er letzte Änderungen in seine Lyrics: „hier Hüfte“, „hier Augen zu“, „hier lasziv ins Publikum zeigen“. Dann macht er seine Schuhe mit Klettverschluss zu, weil Leidenschaft gut ist, aber Bücken schlecht.

Zum Schluss klebt er noch ein paar Post-its an seine Liedtexte: „Sonnenbrille auf“, „Olé rufen“, „bedeutungsvoll schweigen“. Und dann fährt Teddy Paella los, der Mann, der klingt wie Benidorm und aussieht wie Ulmenhorst in Pink. Heute wird er es wieder mal sein, alles in einer Person: Bühne, Gott, Rebell.